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Ich (oder du, wir, alle oder keiner)

Reaktionen auf das Eclat-Festival 2016 in Stuttgart

 

Ich versteh das nicht. Soll ich? Oder soll ich nicht?

 

(aus „Sog“ von Carola Bauckholt)

 

Foto: Josh von Staudach
Foto: Josh von Staudach

Ich bin dumm. Das ist mir noch nie zuvor so bewusst geworden. Verstanden habe ich es erst dadurch, dass ich den Beschluss gefasst hatte, das Eclat Festival 2016 in Stuttgart zu besuchen. Ahnungslos bin ich dort angekommen, erleuchtet sollte ich davon zurückkehren, die Musik und die gesamte Veranstaltung haben mir die Augen geöffnet für die Realität, die ich bisher immer verdrängt habe und die ich nie akzeptieren wollte.  Doch mit jedem Konzert, das ich besuchte und mit jeder Erfahrung, die ich dabei machte wurde es immer deutlicher, es wurde mir förmlich aufgedrängt, mir kam es so vor, als hätte man mir einen Zettel auf die Stirn geklebt, auf dem es in schwarzer Schrift geschrieben stand, den nur ich selbst nicht sehen konnte und mir nichts anderes übrig blieb, als durch die Reaktionen der anderen mich als ein Spiegelbild in ihren Augen zu reflektieren und dadurch zu erkennen, was man mir auf die Stirn geschrieben hatte. Es war allerdings nicht schwer, dieses Spiegelbild zu sehen, denn von allen Seiten war ich umgeben von grellen, bunten Leuchtsignalen, die mir förmlich entgegen schrien und mir immer wieder in Erinnerung riefen, was man mir für Eigenschaften zugeschrieben hatte.  

 

Ich bin dumm. Ich bin konservativ. Ich bin eingebildet. Ich bin kein Komponist. Ich bin naiv.

 

 

 

Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich schäme mich dafür, dass ich so bin, wie ich bin, und es tut mir auch schrecklich leid, dass ich es nicht ändern kann, aber ich muss mich wohl oder übel damit abfinden, dass etwas mit mir einfach nicht stimmt. Es ist ja schließlich auch meine Schuld, dass ich es nicht verstehe. Mein Gehirn ist dazu nicht in der Lage, zu verstehen, was ich dort erlebt habe. Für mich klangen all diese perfekt konstruierten und durchdachten Werke wie eine prunkvolle Krönungszeremonie für einen neuen Monarchen- König Beliebigkeit. Willkürlich erschien mir, was so klug geplant, mit einer Unzahl an tiefgründigen, politisch provokanten, intellektuellen und sozialkritischen Elementen gespickt und von den größten Meistern ihres Faches, den Menschen, die für ihre Leistungen und Werke einst in die Geschichtsbücher eingehen werden, geschrieben war. Ich weiß, dass ich darin falsch liege, und mir wurde auch an jeder Ecke wieder bewusst gemacht, dass ich einfach falsch denke, weil ich eben nur ein einfältiger Mensch, ein Bauerntölpel aus dem Hinterland bin. Denn ich wurde einfach nicht diesen bitteren Nachgeschmack los, den ein Stück auf das andere bei mir hinterließ, dass ich hier einer Orgie der exzessiven Selbstdarstellung und Egozentrik, der Verklärung von perversen Fetischen und der Glorifizierung eines Manierismus beiwohnte. Daran konnten auch die elaborierten Vorträge, die komplexen Texte der Programme und Konzepte und die mannigfaltigen Diskussionen zwischen Komponisten und Besuchern nichts ändern. Für mich verschlimmerte dies eher noch die Situation dahingehend, dass diese, dem reinen Kunsterlebnis beigefügten Elemente, eher wie überflüssige Zeitverschwendung, leeres Geschwafel und absurde, scheinheilige und platte Anzeichen von Dekadenz und Überheblichkeit erschienen.

 

Ich war umgeben von Menschen, die höher gestellt sind, als ich es bin, die einer anderen Schicht angehören. Ich war umgeben von einer kulturellen Elite aus studierten und oftmals promovierten Intellektuellen mit jahrzehntelanger Erfahrung in vielfältigsten Gebieten. Ich, ein einfacher Student aus der Mittelschicht, der nicht so weit denken kann, wie all die anderen. Diese Menschen machten mir Angst. Sie unterhielten sich ausgiebig über das, was sie in den Konzerten erlebt hatten, tranken dabei genüsslich ihren Wein und flirteten noch mit der hübschen Dame, die ihnen gegenüber stand. Sie waren begeistert von dieser Extravaganz der Kompositionen, diesen faszinierend schrecklichen Erfahrungen, dem Ekel, den sie bei mancher Musik empfunden hatten und der doch letzten Endes ein Spiegelbild ihrer eigenen Schwäche sei, weil selbst sie nicht in der Lage waren, diese winzigen Anspielungen zu verstehen, die der Komponist in sein Werk eingebaut hatte. Sie machten mir Angst, weil ich von klein auf damit groß geworden bin, dass man sein gegenüber ernst nimmt und nicht abschätzend und abwertend behandelt, man geht ihm offen entgegen und sieht ihn als gleichwertig an.

 

Dies hängt vielleicht auch mit dem zweiten Punkt zusammen, der Tatsache, dass ich zu konservativ bin. So muss ich doch eingestehen, dass  manche Konzerte trotz aller Kritik von meiner Seite ziemlich anregend und faszinierend für mich waren, da es mir möglich wurde, die Musik nach wenigen Sekunden komplett zu ergreifen und dann weitestgehend auszublenden, so dass ich mich nach aller Herzenslust den Beobachtungen und der Erkundung der Decken und Wände widmen konnte. Es war sehr spannend, wie sich in den drei verschiedenen Theatersälen Symmetrie und Asymmetrie verbanden, wie sich in den komplett schwarzen Flächen kleine Farbpunkte und Unregelmäßigkeiten abzeichneten, wie vielfältig und mit kleinen Details die Führung der Stromkabeln und die Positionierung der Steckdosen gestaltet war, wie eine einzige Lampe mich so sehr in den Bann schlug, dass ich sie zwanzig Minuten aufmerksam beobachtete und eingehend studierte, mit ihren verschieden hell leuchtenden Glühdrähten, den glitzernden Reflektoren, durch welche sich wunderbare Muster aus unterschiedlich hell erleuchtenden Flächen ergaben. Die einzige Frage, die sich mir nach diesen Aufführungen stellte war die, um was es sich bei den kleinen, kreisrunden, silberfarbenen Metallplättchen handeln könnte, die in regelmäßigen Abständen in der Decke angebracht sind?

 

Ich bin konservativ- weil für mich das anfängliche Suchen nach etwas Reizvollem in der scheinbaren Beliebigkeit mit der Zeit umkippte in ein resigniertes Akzeptieren des Manierismus, welcher sich mir präsentierte, bei dem es jedem Künstler stets darum ging, noch etwas „Neueres“ zu finden, als es dem vorherigen Komponisten gelungen war. Für so ein Verhalten bin ich vermutlich einfach zu alt, oder in meinem Denken noch in der Spätromantik stecken geblieben. Ich finde keine Freude an diesen „Neuen“ Elementen der Kunstmusik, an den fortschrittlichen, avantgardistischen und provozierenden Bestandteilen der Meisterwerke, die sich mir präsentierten. Das „Neue“, bestehend aus einem extremen Fokus auf ausgefallenen Spieltechniken, elektronischen und digitalen Klangverzerrungen und Transformationen, theatralischen Elementen, Verwendung von faszinierenden und neuartigen Instrumenten wie der Melodica oder einer elektrischen Zahnbürste, provozierenden Kombinationen von Musik und Konzept durch Hinzufügen verschiedener Texte und Aktionen, unvorhersehbaren Effekten, um das Publikum bei Laune zu halten und einer detailreichen Entwicklung des Klangmaterials und Strukturierung der Komposition, durch aneinanderhängen stets neuer Klänge, ohne Bezug und Entwicklung. Denn die Synchronizität trägt ja, wie wohl jedem einleuchtet, ihren Teil dazu bei, dass es egal ist, was wir gleichzeitig wahrnehmen und wie es gestaltet ist, da wir es sowieso in eine syntaktische Beziehung setzen und zumindest unterbewusst als ein Gesamtwerk wahrnehmen. Für mich klang dennoch das Meiste einfach, wie ein lächerliches und stupides Herumblödeln mit den neuesten Errungenschaften der Technik, die ich mir nicht leisten kann, oder den simplen musikalischen Elementen, die den Komponisten scheinbar zufällig vor die Füße gefallen waren.

 

Ich hatte immer gedacht, bei Kompositionen ginge es darum, gewissenhaft und respektvoll mit den Möglichkeiten und Fähigkeiten der Instrumente umzugehen, die Werke detailreich und bewusst auszugestalten und zu strukturieren, das verwendete Material zu entwickeln, zu ordnen, zu organisieren und dabei seine Fingerfertigkeiten unter Beweis zu stellen. Ich dachte es ginge darum, ein Gespür zu zeigen für den Umgang mit der Zeit, die Gestaltung eines Klangerlebnisses und die vielfältige und komplexe Verbindung und Ausarbeitung verschiedener Elemente zu einer Komposition. Aber da habe ich eben immer noch dieses alte, konservative Weltbild im Kopf, geht es doch in Wirklichkeit nur um den verzweifelten Kampf, zu provozieren, noch Aufmerksamkeit zu erlangen in dieser lauten, wilden, schnellen, kurzlebigen und scheinheiligen Welt, indem man immer absurdere Wege geht um eine noch größere Show, eine noch exzessivere Inszenierung und Selbstdarstellung, ein noch aufwändigeres Theater zu veranstalten. Ich war schon immer interessiert an Grenzbereichen, am Limit, an dem, was uns unbekannt ist, wovon wir nie zu träumen gewagt hätten, aber die immer gleichen Abgründe des menschlichen Egoismus, der sexuellen Perversion, der selbstbestimmten Willkür, der überheblichen und scheinheiligen Behandlung von Mitmenschen und des Maskenspiels einer isolierten und von der Realität gelösten Welt gehören sicher nicht gerade zu dem, was ich als „neu“ bezeichnen würde, sind es doch für mich eher archaische Motive, Probleme unserer kapitalistischen Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet, als weiter zusammenzuwachsen.

 

Dies alles zeigt, dass ich einfach zu konservativ bin, um die heutige Kunst noch zu verstehen, meine Einstellung zur Musik, sie wie ein Blinder zu hören, eine Komposition nur nach ihrer klanglichen Gestalt und ihrer akustischen Qualität mit ihrer Wirkung auf all unsere Sinne zu beurteilen, ist sichtlich veraltet, spielt doch der Höreindruck nur noch eine untergeordnete Rolle in den schrillen und gewagten Kompositionen der neuen Generation. Wichtiger ist, dass es neu ist und dass es provokativ ist, so wurde es mir zumindest von allem, das mich auf diesem Festival umgeben hatte, entgegen geschrien,  allerdings so richtig verstanden habe ich es leider nicht.

 

Aber vielleicht hängt dies ja auch damit zusammen, dass ich eingebildet bin. Ich bin anders. So weit so gut und es wäre ja auch für alle anderen halbwegs verständlich und akzeptabel, sie könnten mich ja einfach ignorieren und ausgrenzen, wenn ich nicht die Frechheit besitzen würde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass ich anders bin- das grenzt doch schon an eine ziemlich starke Überheblichkeit und Egozentrik, die sich in meiner Person zentrieren und durch meine Taten und Verbrechen nur noch weiter katalysiert werden. Ich habe doch wirklich die Vorstellung, dass ich stören könnte, wenn ich den Respekt gegenüber den Komponisten verweigere, ihnen die Anerkennung entziehe, indem ich nicht lauthals „Bravo“ rufe (oder es wiederum so laut rufe, dass es albern und verhöhnend wirkt) und nicht immer wie ein Schatten an ihrer Seite hänge, um mich bei ihnen einzuschleimen und meinen Namen ins Gespräch zu bringen. Ich glaube doch wirklich, ich könnte sie ignorieren und ihnen damit den Spiegel vor das Gesicht halten, dass ich sie und ihre Werke nicht ernst nehme, doch das ist es ja gerade, was sie wollen. Sie wollen nicht ernst genommen werden, mein Fehler ist es schon wieder, dass ich dies tue. Dadurch mache ich mich wohl oder übel zum Außenseiter, ich grenze mich ab von der Menge an wohlwollenden Gönnern und Kunstförderern und heuchlerisch begeisterten Zuschauern, weil ich eben diesen Schritt wage, mit dem keiner gerechnet hat, dass man ihn gehen könnte, dass man sich ernsthaft mit den Werken beschäftigen, sie entschlüsseln und verstehen könnte. Aber halt, ich widerspreche mir hier selbst- ich bin ja gar nicht in der Lage, es zu verstehen, weil ich zu dumm bin. Dieser gesamte Essay ist ein einziger Widerspruch, ein Zeichen meiner Überheblichkeit, ein Zeichen, dass ich mich als etwas Besseres sehe, als all die anderen, dass ich glaube, ich sei etwas Besonderes. Dieser Essay ist doch auch nur inhaltsloses und leeres Geschwafel, der verzweifelte Versuch eines unbekannten und unwichtigen Studenten, sich aufzuspielen, auf sich und seine Gedanken aufmerksam zu machen, zu provozieren. Mein Ziel ist es doch letzten Endes auch nur, berühmt und erfolgreich zu werden und mich im Glanz meiner begeisterten Jünger und Nachfolger zu sonnen.

 

Will ich diesen Gedanken konsequent zu Ende denken und dabei beweisen, dass das Gegenteil der Fall ist, so müsste ich so weit gehen und eingestehen, dass ich kein Komponist bin. Ich habe da wohl etwas falsch verstanden. Als ich vor vielen Jahren damit begonnen habe, mich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen und mir selbst das Komponieren beizubringen, war ich davon ausgegangen, dass es beim Beruf des Komponisten darum ginge, ein Handwerk zu erlernen und auszuführen. Aber vermutlich war ich damals geblendet von den Größen der Musikgeschichte und den Komponisten und Songwritern der Pop- und Filmmusik, die damals die einzige Musik ausmachten, die ich kannte und die es geschafft haben bis heute noch nicht im Sumpf der Vergessenheit zu versinken. Damals dachte ich, es ginge darum, selbstkritisch und reflektiert zu arbeiten, intensiv zu suchen, sich auf ein Studium und eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Elementen einzulassen, mich mit den Instrumenten und ihren Spielern vertraut zu machen und sie in ihrem innersten Kern zu verstehen, mit der Kunst- und Musikgeschichte, mit vielfältigen intellektuellen Bewegungen und Strömungen der Kunst, der Literatur, der Philosophie zu beschäftigen, alles, um eines Tages vielleicht qualitativ hochwertige Musik zu schreiben, mit der ich anderen Menschen ein Erlebnis bieten kann, dass sie verändert, sie prägt, ihnen hilft, eine Freude macht,  zum Nachdenken bringt, vereint. Ich war begeistert von der Kraft der Musik, den unglaublichen Erlebnissen, die sie uns bieten kann und ich wollte mich selbst hingeben, in Demut und Dankbarkeit arbeiten, auf das kleinste Detail zu achten und stets weiter an mir selbst zu arbeiten, um nicht den Gefahren des Erfolges, der Egozentrik zu verfallen.

 

Ich wollte nicht für mich schreiben, mein Traum war es, dass meine Musik anonym veröffentlicht werden würde, als Kind war ich immer fasziniert von dem Dasein der Mönche, die über Jahrhunderte hinweg hingebungsvoll ihren Dienst erfüllt haben, die damals ohne Namen für ein höheres Ziel, für die Gemeinschaft, für den Glauben gearbeitet haben. Für mich war die Arbeit eines Komponisten vergleichbar mit der eines asketischen Eremiten, der gewissenhaft seine Arbeit im Dunkeln verbringt, stets im Verborgenen bleibt und nur seine Werke an die Öffentlichkeit gelangen und dort ihr eigenes, von ihm als Person unabhängiges Leben entwickeln. Schon immer hatte ich eine Angst vor Konzerten, vor Wettbewerben, Preisen, Aufträgen und Belohnungen, weil ich nicht an die Öffentlichkeit treten wollte, ich wollte nicht im Mittelpunkt stehen, ich wollte mich nicht vergleichen mit anderen, nicht um Anerkennung kämpfen. Ich wollte stets das tun, was ich für das richtige empfand, anders sein, stören, meinen eigenen Weg gehen. Aber wie sich mir in den letzten Jahren gezeigt hat, bin ich hier dem größten Fehler meines Lebens unterlaufen. Was ich immer geglaubt hatte zu sein, hat sich nun erwiesen, dass ich es nicht bin. Ich bin kein Komponist.

 

Ich bin naiv. Weil ich glaube, dass ich wirklich anders bin. Ich glaube, dass ich dadurch, dass ich mein Handeln eben nicht nach Erfolg, nach scheinbarem Fortschritt und nach einer guten Vermarktung meiner Person ausrichte, die Rechtfertigung für mein Dasein und meine Existenz erhalte. Ich bin auf einer Suche ohne gerichtetes Ziel, ich weiß nicht, was ich erreichen möchte und warum, ich möchte nur, dass ich morgen wieder Musik schreiben kann, von der ich überzeugt bin,  dass sie es wert ist, festgehalten und aufgeführt zu werden.

 

Dabei bin ich der festen Überzeugung, dass sich letzten Endes in allem was ich tue, auch wenn ich es in der Anonymität vollbringe und veröffentliche, doch meine individuelle Handschrift offenbaren wird. Denn diese Handschrift ist ein Zeichen meiner Suche, meiner Selbstreflektion, des Wachstums aus dem jetzt heraus, dem Augenblick, den ich gerade erlebe. Nicht fortschrittliche Entwicklungen, neuartige Ansätze und Konzepte oder eine progressive Kombination aus verrückten Kunstformen, neuartigen Techniken und Klängen sollen meine Arbeit prägen, auch stelle ich nicht den Anspruch, mich bei jedem meiner Werke neu zu erfinden, jedes Stück auf eine unabhängige und vollkommen selbstständige Art zu gestalten, denn dies ist unmöglich. Eine Arbeit wird immer die Handschrift ihres Künstlers tragen und sie wird das sein, was von ihm erhalten bleibt.

 

Ich  bin naiv, weil ich glaube, dass ich anders handeln würde, als die meisten anderen. Aber  wie würde ich mich verhalten, wenn ich nun doch einmal Erfolg hätte, einen Auftrag erhalten oder einen Preis verliehen bekommen würde? Würde ich diese Angebote ignorieren, ablehnen aus meiner Überzeugung und meiner Einstellung gegen jede Form von Erfolg? Ist dies überhaupt möglich? Oder würde ich nicht letzten Endes doch klein beigeben, mich geschmeichelt fühlen von der Anerkennung meiner harten Arbeit, der wohlverdienten Belohnung meiner Bemühungen, der Macht und Chance, die mir der Erfolg bieten würde? Ich weiß es nicht. Aber ich bin der Meinung, dass ich es versuchen müsste, ich muss mir meine Ideale bewusst machen, immer meine Selbstkritik bewahren und eben meinen eigenen Weg gehen, komme, was wolle. Denn, wenn ich meine Freiheit aufgebe für irgendetwas, wie kurzzeitigen Erfolg und scheinbare Wertschätzung, dann bin ich nicht besser als die, die ich kritisiere. Bin ich das überhaupt?

 

Letzten Endes ist dies doch alles nur ein leeres und überflüssiges Geschwafel, verschwendete Zeit. Ich bin nur ein verrückter und unbedeutender Junge, der sich doch in Wirklichkeit auch nur nach Erfolg, Aufmerksamkeit und Apfelkuchen sehnt, der nur neidisch ist auf die anderen. Ich bin neidisch, weil ich nicht so besonders, originell, extravagant und herausragend bin, wie die breite Masse und sehe dies auch noch als eine Eigenschaft an, die mir eine Sonderstellung einräumt und mich hervorhebt über die anderen. Denn ich bin dumm, ich bin konservativ, ich bin eingebildet, ich bin kein Komponist und ich bin naiv.

 

Aber dennoch habe ich die Hoffnung, dass es dort draußen in der weiten Welt einen Menschen gibt, der mich versteht, der erkennt, was ich denke und warum ich so bin, wie ich bin. Ich habe die Hoffnung, dass es einen Menschen gibt, den ich mit meiner Arbeit erreichen kann und mit meiner Musik verändern und zum nachdenken bringen kann. Ich habe Hoffnung.

 

Alles ist sinnlos, alles nichtig, alles ohne Ziel und dem Tod und dem Verfall, der Vergessenheit untergeben. Außer wir geben ihm durch unser Leben einen Sinn, machen es zu etwas Existenziellem. Musik kann etwas verändern, Musik kann uns Freude, Hoffnung, Glück schenken, sie kann uns faszinieren, in ihren Bann ziehen, uns vereinen, alle Menschen, so wie sie sind. Doch dafür müssen wir ihr auch diese Kraft geben und eingestehen. Wir müssen uns abwenden von der ständigen Sehnsucht nach der Vergangenheit und dem ewigen Streben nach der Zukunft und uns ganz dem Moment zuwenden, dem Augenblick. Hier wird Kunst und Musik existenziell wirksam. Wenn wir uns unserer Freiheit bewusst werden, unser Leben so leben, wie es für uns richtig ist, wenn wir uns auf die Suche begeben nach und selbst. Nur, wenn wir diese Offenheit gegenüber dem Unbekannten, dem Fremden und dem Neuen besitzen, werden wir empfänglich für Kunst. Dann kann alles für uns Kunst werden, denn Kunst entsteht dadurch, dass wir es als solche wahrnehmen, dass wir uns von ihr anregen und prägen lassen, dass wir sie erleben. Jetzt. Im Augenblick. Da geht alles verloren, was wir sonst so gerne in den Mittelpunkt stellen, unsere Person, unser Bestreben und unser Verlangen, unser ständiger Kampf mit der Umwelt, alle egoistischen, scheinheiligen, überheblichen und dekadenten Gedanken. Was bleibt ist der Augenblick. Der Klang. Die Musik. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin, wie du. Wir sind alle gleich. Wir sind alle, oder keiner.

 

Lübeck, 9.2.2016