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Physics and Phantasma

Es ist dunkel. Das Publikum sitzt auf den harten Holzsitzen in dem umgebauten Gildesaal. Eine Stimme erklingt, gedämpft, hinter dem Vorhang stehend spricht ein Mann, oder genauer genommen ist die Stimme eines Mannes zu hören, als ob der dazugehörende Sprecher hinter dem Vorhang stehen würde. Er ist unsichtbar in der Dunkelheit und verdeckt vom schwarzen Tuch. Dennoch ist er präsent, er steht mitten im Raum, aufgrund der kleinen Bühne ist er sehr nahe am Publikum, nur wenige Meter von der ersten Sitzreihe entfernt. Die Stimme spricht von ihrem Sprecher, sie spricht über dessen Aussehen und Statur, sie spricht über die Bewegungen die der Sprecher während er diese Worte spricht durchführt. Es ist zumindest anzunehmen, dass er diese Bewegungen auch wirklich durchführt, denn überprüft und bewiesen werden kann es nicht, er könnte genauso gut stillstehen, er könnte genauso gut schweigen und die Stimme könnte gar nicht zu ihm gehören, sondern von einem Tonband kommen, es könnte gar keinen Mann hinter dem Vorhang geben. Das Publikum ist alleine in der Dunkelheit, jeder Einzelne, abgeschottet von seinem Nebensitzer dadurch, dass er in der Finsternis auch diesen nicht erkennen kann, er ist isoliert, auf sich allein gestellt und dennoch spürt er die Präsenz der anderen Menschen. Er fühlt, dass er nicht alleine ist, er ist sich dessen bewusst und sicher, waren doch noch vor wenigen Minuten, vor Beginn der Vorstellung, als der Saal noch hell erleuchtet war, alle Sitzplätze ausgefüllt, die Veranstaltung ausverkauft gewesen. Und dennoch, in der Finsternis verschwindet die Wirklichkeit, das Vertrauen schwankt. Hört man den Atem seines Nebensitzers, fühlt man die Wärme, die dessen Körper ausströmt, oder bildet man sich alles nur ein? Gibt es diese Stimme hinter dem schwarzen Vorhang, nur wenige Schritte entfernt, oder geschieht dies alles nur in seinem Kopf, hört er Stimmen?

 

Er, jeder Einzelne im Publikum. Er sieht die Szene bildlich vor seinem inneren Auge, den Mann, der nun davon spricht, wie er sich von dem Stuhl erhebt, auf dem er bis dahin gesessen hatte und mit seiner Hand nach dem Vorhang greift. Er ist sich sicher, dass dies alles gerade in der Realität geschieht und dennoch existiert dies alles nur in seiner Imagination, seiner Fantasie, ist alles nur ein Zaubertrick. Er wird abgelenkt und verunsichert, seine Aufmerksamkeit wird geschwächt durch die unerwartete und ungewohnte Situation, der er ausgesetzt ist, er wird empfänglich für jede Manipulation, jedes Wort nimmt er in sich auf, nimmt er sich selbst zum Stützpfeiler der Realität, von der er glaubt, dass sie gerade geschieht, dort in der Nacht vor ihm. Er vertraut der Sprache, den süßen Worten des Magiers, die ihm Orientierung und Zuversicht versprechen, er sieht nicht, wie der Hase vor seiner Nase im schwarzen Hut platziert wird und der Zauberer sich nun daran macht, diesen selben Hasen nun mithilfe scheinbarer Magie aus dem Nichts erscheinen zu lassen. Die Worte haben eine Bedeutung, die Sprache drückt etwas aus, sie befolgt feste Regeln, sie ist unerschütterlich, sie vollzieht die Verwandlung, nur durch die ausgesprochene Zauberformel kann das Überirdische irdisch werden, die Fantasie zur physischen Realität, sie wird körperlich und gleichzeitig wird das, was in der Wirklichkeit geschieht, abstrahiert und losgelöst zu einer geistigen Idee.

 

Das Licht geht an, blendend hell, es schmerzt, die Augen können nichts sehen, die Helligkeit wird zum negativen Spiegelbild der Dunkelheit. Da steht er, der Magier und der Hase in einer Person, schreitet in die Mitte des Raumes, erschienen aus der verdeckten und geheimen Kammer hinter dem schwarzen Vorhang. Die Prämiere von „Physics and Phantasma“, eine Solo Performance, ein Kammerspiel, ein Monodram, ein Kunstwerk von und mit Iggy Lond Malmborg hat begonnen, dabei begann sie schon viel früher, nur war sich dessen das Publikum noch nicht bewusst gewesen, sie begann damit, dass sie den Entschluss gefasst hatten, den etwas herunterkommenden, damals noch nicht frisch sanierten, Bau der ehemaligen Kanutigilde, eine der ältesten Gilde des damaligen Revals, benannt nach dem Schutzpatron Knud Lavard, in Tallinn, an eben jenem Abend zu betreten.

 

Die Verwandlung ist vollbracht, der Zauber vollzogen und aufgedeckt, das Geheimnis gelüftet und doch beginnt erst jetzt die eigentliche Handlung, denn so offensichtlich auch das Konzept der Korrelation von Realität und Fantasie auch zu sein scheint, so komplex und unberechenbar ist das tatsächliche Resultat, das Werk, welches Iggy Malmborg dem Publikum an eben jenem Abend zu präsentieren angedenkt. Gleich zu Beginn legte er alle seine Karten offen, erklärte alle versteckten Tricks und erstickte jede Vorstellung von mystischem Ritual im Keim, doch gerade dadurch, dass jeder im Publikum genau wusste, womit er es zu tun hatte, wurde die Situation für ihn nur noch befremdlicher und verunsichernder. Denn der Titel ist Programm, der ganze Abend lässt sich in einem Spiegelbild darstellen, Realität wird zur Fantasie und Fantasie wird zur Realität, die Spielregeln sind definiert, die erste Runde schon voll im Gange.

 

„Jetzt“ ist der Titel einer großformatigen Hörspielproduktion des WDR Studios, komponiert von Luc Ferrari, eine Klangcollage, ähnlich der Arbeiten aus den französischen Rundfunkstudios in den fünfziger Jahren, bei denen sich Pierre Schaeffer damit auseinandersetzte, wie sich aus Tonaufnahmen der realen Welt durch Manipulation, Deformation und Konstellation zu einer neuen Form der Kunstmusik kommen ließe, Arbeiten, die später unter dem Namen „musique concrète“ in die Geschichte eingingen. Das „Jetzt“ ist bezeichnend, denn es stellt die erste Annahme und Voraussetzung klar, die für Arbeiten dieser Art notwendig sind und die sich auch auf das Stück von Malmborg übertragen lassen. Denn der Augenblick ist das Entscheidende bei einer Musik und Kunst, die in der Realität ihren Ursprung nimmt und davon ausgehend übergeht, in die Fantasie. Dadurch, dass alles in Echtzeit, im Moment geschieht, wird für den Rezipienten das Kontinuum der Zeit aufrecht erhalten, die physikalischen Gesetze von Energieerhaltung und logischen Zusammenhängen bleiben bewahrt, er fühlt sich weiterhin in seiner realen Welt verwurzelt und wird dadurch sensibilisiert für den Prozess der Entfremdung dieser Realität, der Verwandlung in etwas Fantastisches. Ferrari verwendet in seiner Komposition ausschließlich O-Ton-Material, spontane und scheinbar ungeplante Tonbandaufnahmen, die er wortwörtlich auseinanderschneidet und aneinanderklebt. Der Hörer bekommt die Realität zu hören, das, was einmal wirklich geschehen ist, oder zumindest scheinbar geschehen ist, oder erst geschehen wird, oder niemals geschehen kann. Die belanglosen Klänge werden zu einem Erlebnis, einem Abenteuer, sie erzählen eine Geschichte, oder viele verschiedene auf einmal.

 

An dieser Stelle muss eine zweite Regel aufgezeigt werden, die für diesen fantastischen Realismus notwendigerweise gelten muss, die Sprache, oder besser gesagt, die Annahme eines vertrauenswürdigen und zuverlässigen Kommunikationsmittels, eines verständlichen Codes. Denn der große Unterschied zwischen Realität und Fantasie liegt darin, dass in der Realität davon ausgegangen wird, dass jedes Symbol auch eine klare Aussage besitzt, dass derjenige, der eine Sprache beherrscht, diese auch verstehen kann, dass es einen Austausch von Gedanken und Ideen durch ein abstraktes Medium geben kann. Die Sprache ist der Hauptbestandteil von Ferraris Komposition, sie ist der Träger jedweder Handlung und Bedeutung, sie gibt Form und Struktur und ebenso verhält es sich mit „Physics and Phantasma“. Malmborg spricht fast durchgehend. Eingangs verweist er auf dieses Faktum mit einer leicht ironischen und sarkastischen Feststellung dieser offensichtlichen Tatsache, sein Theater entsteht nicht dadurch, dass er es spielt, sondern dadurch, dass er es spricht. Er bleibt in der Realität verwurzelt, dadurch, dass er das Zeitkontinuum aufrecht erhält und nüchtern und sachlich einen Vortrag hält, bestehend aus logisch sinnvollen Sätzen, in englischer Sprache, die jeder im Saal fließend beherrscht, da schon vor der Vorstellung darauf hingewiesen wurde, dass ausreichende Sprachkenntnisse für das Erlebnis des Stücks notwendig sind und doch durchbricht Malmborg, wie Luc Ferrari in seinem Hörspiel, gerade durch diese Realitätsnähe die Mauer zur Fantasie.

 

Er spricht. Er spricht und es geschieht nichts. Nichts Reelles. Nichts Reelles, außer den Gedanken in den Köpfen der Zuhörer. Denn das Gefüge von Echtzeit und Aussprache bewirkt in unserer Wahrnehmung, dass die Gedanken real werden, sie werden zu Bildern, zu Handlungsabläufen, zu Ideen. Es handelt sich dabei um das Prinzip des roten Elefanten, an den man nicht denken darf, man jedoch schon im Moment, in dem diese Aufforderung ausgesprochen wird, unweigerlich gegen das Gebot verstößt, da das genaue Gegenteil in unseren Köpfen geschieht, der Elefant wird real in der Fantasie, vor unserem inneren Auge zur Wirklichkeit. Und dieses Prinzip verwandelt die Klänge, Geräusche und Gespräche, jedes einzelnen Wortes in Ferraris Komposition, so wie auch in Malmborgs Show. Ebenso, wie Ferrari auf Aufnahmen aus Alltagssituationen zurückgreift, um die scheinbar realistischen und unkünstlerischen Absichten aufrecht zu erhalten und die Intensität der fantastischen Transformation zu maximieren, beginnt auch Iggy Malmborg im ersten Teil, oder besser gesagt dem ersten Teil nach Betreten der Bühne, nach Erleuchten der Scheinwerfer, damit, auf die akute Realität zurückzugreifen, auf den Alltag, der dem Beginn der Abendveranstaltung direkt vorausgegangen ist.

 

Immer wieder beschreibt er, was geschehen ist, bevor das Licht im Saal erloschen war und er, versteckt hinter dem schwarzen Tuch mit seinem Monolog begonnen hatte. Er beschreibt alles detailliert und genauso, wie es jeder Einzelne im Publikum noch vor wenigen Minuten selbst erlebt hatte. Das scheinbar Alltägliche wird ins Zentrum gerückt, der Handschlag, der in der Realität ganz beiläufig zwischen zwei Freunden, die sich seit langer Zeit, genauer gesagt, seitdem sie sich das letzte Mal bei einer Veranstaltung im Kanutigildesaal begegnet waren, stattgefunden hat, wird nun zum Kern der Handlung. Dadurch wird er entfremdet, die Realität wird aus ihrer Realität gerissen, sie wird synthetisiert, künstlich. Es ist eine andere Perspektive, ein anderer Blickwinkel, den man auf diese belanglosen Alltagssituationen bekommt, denn der Alltag wird inszeniert, er ist nicht mehr echt, sondern bearbeitet. Dieses Verfahren ist ähnlich der Fotografien von William Eggleston. In seinen Bildern hält er das alltägliche Leben in Amerika fest, die kleinen Ereignisse im Alltag jedes Einzelnen. Nichts scheint manipuliert zu sein, alles bleibt und ist realistische Kunst, die Fotos könnten allesamt zufällige Momentaufnahmen, Schnappschüsse, sein. Und darin liegt auch deren Stärke und fantastische Bedeutung, denn gerade weil sie so wahrheitsgetreu umgesetzt werden, wirken sie nun, als Aufnahme ohne Zusammenhang, ohne Vergangenheit und Zukunft, ohne den Fluss der Zeit, umso fantastischer. Dinge, denen man noch nie Aufmerksamkeit geschenkt, die man nicht einmal aktiv beachtet hatte, die Glühbirne an der Decke, das zufällige Stillleben aus Gegenständen auf dem Tisch in einem Dinner, der Blick eines Jungen, auf der Rückbank eines amerikanischen Wagens sitzend, die Farbe des Telefons, die zwar irgendwo im Unterbewusstsein registriert wurden, aber sofort dem Kurzzeitgedächtnis zum Opfer gefallen waren, sind nun in den Mittelpunkt gestellt. Von ihrem Kontext gelöst werden sie grotesk, absurd, lächerlich, befremdlich, irritierend, obszön, sie werden zur Kunst.

 

Immer wieder beschreibt er, was geschehen ist und mit jedem Mal wächst die Unsicherheit im Publikum, die Unruhe und Verwirrung, denn die Realität der akuten Vergangenheit wird immer fragwürdiger, es schleichen sich immer mehr Abweichungen und Ungereimtheiten ein, man beginnt, die realen Ereignisse in seinem Gedächtnis anzupassen an das, was man immer wieder zu hören bekommt. So steigt die Spannung, obwohl auf der Bühne nichts geschieht, außer, dass sich Malmborg ein paar Schritte von seinem Ausgangspunkt in der Mitte des Raumes entfernt. Doch das Theater findet nicht auf der Bühne statt, sondern einzig und allein in den Köpfen, in der Wahrnehmung, jedes Besuchers, der auf seinem harten und eigentlich ziemlich ungemütlichen Holzsitz sitzt und dort verharrt in Erwartung dessen, was kommen wird.

 

Iggy Malmborg beschreibt genau, was innerhalb der kommenden Stunde geschehen soll, er kündigt es bis ins kleinste Detail an, er erschafft eine Erwartungshaltung, verstärkt dadurch die Spannung, dramaturgisch äußerst fein und sensibel eingesetzt, und er regt damit die Gehirne der Zuhörer dazu an, sich alles schon einmal vorzustellen, wie es wohl in der nahen Zukunft geschehen wird. Er spielt ein imaginatives Theater. Denn dadurch, dass er alles genau beschreibt, es aber noch nicht durchführt, oder womöglich gar nicht vor hat, es genauestens so durchzuführen, wie beschrieben, legt er alles fest und lässt doch alles offen für jeden Einzelnen. Jeder erlebt sein ganz individuelles und eigenes Theater, er gibt mit seinen Worten nur die Impulse und Anregungen, erzeugt die Bilder vor dem inneren Auge und führt das Publikum immer nahe an das Geschehen heran, von dem es allerdings dann nur den Schatten, einen kurzen und flüchtigen Blick, erhaschen kann.

 

Das imaginative Theater in der Kunst ist wohl besonders prominent geworden in den Arbeiten des Malers Edward Hopper. Auch er war dem Realismus angehörig und ging doch einen Schritt weiter, indem er in seinen Gemälden Szenen inszenierte, die allerdings nicht in aller Fülle sichtbar und somit nicht eindeutig definiert sind, sondern lediglich durch Schatten, durch kleine Details, durch bestimmte Farbtöne oder Konstellationen der Personen und Objekte im Raum, angedeutet werden. Auch hier verwandelt sich die Ordnung der scheinbaren Realität in etwas Fantastisches, es gibt Ungereimtheiten, Verstöße gegen die Naturgesetze und klar erkennbare kompositorische Eingriffe. Doch all dies schadet nicht der Wirkung, sondern verstärkt diese, denn je realer das Gemälde oder generell das Kunstwerk zu sein scheint, desto fantastischer ist es eigentlich. Denn in der Vorstellung des Betrachters beginnt es zu leben, neue und undefinierbare Formen und Gestalten anzunehmen und ein Theater darzustellen, dass für jeden anders und für keinen gleich sein wird. Diese Stärke nutzt Malmborg in seiner Phase der Ankündigungen aus, er erschafft eine Fantasie aus der Realität. Die Spannung steigt, die Verunsicherung um so mehr, denn alles wird plötzlich möglich in den Köpfen des Publikums, alles erscheint immer präsenter und dominanter, die Bilder werden immer klarer und reeller.

 

Und dann kommt der Umkehrpunkt in „Physics and Phantasma“, der Scheitelpunkt, der Wendepunkt, die zweite Hälfte. Nun wird nicht mehr die Realität zur Fantasie, sondern die Fantasie wird nun real. Die Ankündigungen treten ein, sie werden ausgesprochen und verwirklicht. Es kommt zur Explosion der Bombe im Saal, die alte Frau betritt die Bühne und spricht in ihrem französischen Akzent und die Gedanken werden ausgesprochen, die man nicht aussprechen darf, die man vielleicht nicht einmal denken darf. Sie werden real. Die aufgebaute Erwartungshaltung wird übertroffen, denn es kommt zum Schock, was vorher nur eine hypothetische Überlegung war, fordert nun das Publikum Auge in Auge heraus. Es wird ausgesprochen und die Fantasie nimmt Form und Gestalt an, in den Köpfen des Publikums.

 

Der ganze Saal hält die Luft an, die Anspannung ist förmlich spürbar, es knistert in der Luft, jedem ist unwohl, man will fort von hier oder will zumindest, dass es aufhört, ein Ende findet, die Zeit wird unerträglich zu einer Ewigkeit. Zuerst einer Ewigkeit der Worte, der Stimme die von den Dingen spricht, die nicht in der Realität existieren sollten, dann einer Ewigkeit der Stille. Michael Haneke ist berühmt geworden durch seinen meisterhaft inszenierten Film „Funny Games“, ebenfalls einer äußerst realen Geschichte, einer Realität, die zur Fantasie wird aber die dann, an ihrem Höhepunkt plötzlich aus den Fugen fällt und genau der umgekehrte Prozess eintritt. Nun ist plötzlich die gesamte Realität infrage gestellt, die Fantasie übernimmt die Vormachtstellung. Und dann kommt es zur Explosion, dem Schuss, diesem Klang, der nicht sein darf, den man nicht hören, nicht wahrhaben, nicht denken will, er wird real. Es kommt der Knall, es folgt die Stille und es wird unerträglich, man hält es kaum aus, so schmerzhaft und emotional wird es für den Zuschauer des Filmes, wird es für das Publikum in der Kanutigilde, nach dem was zuvor geschehen ist. Denn die schöne Fantasie, die körperlosen und irrealen Ideen, sind plötzlich wahrgeworden. Das Unmögliche ist eingetreten, die Fantasie wurde zur Realität.

 

Es ist still, keiner rührt sich. Iggy Malmborg ist verstummt. Er hat den Blick starr in das Publikum gerichtet, er scheint jedem Besucher abwechselnd direkt in die Augen zu sehen, spricht jeden direkt an, jeden Einzelnen. Das Kammerspiel ist geglückt, das Monodram war nur ein Täuschungsmanöver, die eigentlichen Akteure sind wir, all diejenigen, die auf ihren harten Holzsitzen sitzen. Das „Du“ wird  zum „Ich“, jeder ist angesprochen, jeder ist betroffen, jeder ist getroffen, keiner kann flüchten, keiner kann den Blick  abwenden, keiner kann die Ohren schließen, es ist geschehen. Dramaturgischer Höhepunkt, jeder ist konfrontiert mit sich selbst, allein mit seinen Gedanken, Gefühlen, diesem Wahnsinn, diesem aufgewühlten und laut schlagendem Herz. Jeder ist alleine, obwohl das Licht an ist, voll erleuchtet ist der Saal, ja, es ist sogar heller geworden, als zu Beginn der Veranstaltung, das Licht ist nun blendend weiß und nicht mehr sanft golden. Unerträglich. Jeder ist alleine, obwohl er umgeben, ist von einer Vielzahl anderer Menschen, die um ihn herumsitzen, doch sie alle existieren nicht mehr, sie sind verschwunden, sie können nicht helfen und nichts verändern.

 

Es bleiben Fragen. Die Naturgesetzte, die Regeln und Zusammenhänge, auf die wir uns stets blind verlassen, sind durcheinandergeraten. Wenn man die Gedanken bis zum Ende denkt, bleibt nichts, worauf man sich verlassen kann. Alle Antworten sind geschwunden, die Realität verloren, nur die Fantasie ist geblieben. Sie ist real. Sie und alle Ideen, denn man erlebt sie am eigenen Körper, Sekunde für Sekunde. Keiner wird behaupten können, dass er nicht von diesem Theater berührt und bewegt wurde. Es endet mit einem simplen Experiment zur Verdeutlichung der Naturgesetze, die soeben bis aufs tiefste erschüttert wurden. Iggy Malmborg nimmt einen an einem Pendel aufgehängten schweren Stein und zieht ihn bis unter sein Kinn. Dann lässt er ihn fallen, das Licht erlischt. Den physikalischen Gesetzmäßigkeiten nach kann der Stein niemals, nachdem er seine maximale Auslenkung erreicht hat, an einen höheren Punkt zurückkehren, als dem Ausgangspunkt seiner Schwingung, Malmborg kann nicht verletzt werden. Darauf müssen wir uns verlassen. Es ist vorbei.

 

Alles war nur ein Spiel, raffiniert und ausgeklügelt bis ins kleinste Detail, überzeugend und voller Perfektion ausgeführt, mit einer überraschenden und reizvollen Wirkung. Es ist beinahe wie eine Installation, nichts ist geschehen und doch so viel. Der Abend ist vorbei, alle gehen zurück in ihre Häuser, trinken davor vielleicht noch das ein oder andere Bier und werden in wenigen Tagen das meiste von dem vergessen haben, was sie in diesem Stück erlebt haben. Im Nachhinein wird es ihnen peinlich sein, wie sie sich von diesem Zaubertrick hatten hinters Licht führen und manipulieren lassen, sie werden zurückkehren zu ihrem rationalen und aufgeklärtem Weltbild und vielleicht einmal wieder eine Vorstellung im Kanutisaal besuchen, da die Location und das Programm so einmalig in Tallinn sind. Nichts wird sich verändern, es war ja „nur“ Kunst, ganz nett gemacht, aber mehr auch nicht. Man konnte zumindest nachvollziehen, warum Malmborgs Theaterstück erst ab einem Alter von achtzehn Jahren freigegeben wurde.

 

Oder ist die Fantasie der Kunst doch übergegangen in die Realität, ist sie Wirklichkeit geworden? Kurz vor dem Höhepunkt war das Stück unterbrochen worden, Mitarbeiter des Hauses verteilten Bierflaschen, jeder im Publikum erhielt eine. Dann saßen sie alle da, die kalte Flasche in ihrer Hand, manche tranken genüsslich daraus, wieder andere wussten nicht, was sie nun tun sollten und wieder andere tranken erst, als die Explosion zu vernehmen war, sie tranken, um sich zu beruhigen, den Schock zu lindern. Denn irgendwie war es doch mehr gewesen, als nur ein Theaterstück. Die Sicherheit war verloren, nichts war, wie es sein sollte, das Eis unter den Füßen geschmolzen und jeder Einzelne versunken in dem kalten Meer der Gedanken, der Fantasie, der Realität. Ein Schock hinterlässt nachhaltige Spuren, er prägt unsere Erinnerung und nimmt somit Einfluss auf alles kommende Denken und Handeln. Ein Trauma lässt sich nicht rückgängig machen, es wird immer mit dem Geist verbunden sein. Man kann es verdrängen, man kann es mit Alkohol mildern oder man kann  sich mit ihm konfrontieren, doch wer weiß, was dann geschehen wird.

 

 

 

Lübeck, 21.7.2017