Hoch zu Ross (2017)

Teil der interdisziplinären Vernissage "Transgenerationen" und der dafür entstandenen Installation "Durst"

Mein Vater, hoch zu Ross.

Noch weiß ich nichts vom Blut,

Welches in dunklem Rot,

Unter den braunen Lederhandschuhen,

An seinen fein gepflegten Fingern klebt.

Noch weiß ich nichts von den Knochen,

Die unter den schwarzen Stiefeln brachen,

Wie Äste, feine Triebe der jungen Bäume.

 

Was, wenn die Wurzel in saurem Boden steckt,

Das Wasser eine Quelle voll Gift und Krankheit ist.

Ein Geschwür breitet sich in mir aus,

Wächst mit mir, trinkt von meinem Wein,

Den Unschuldige für mich bezahlten.

Ich bin fest verankert in dem Boden,

In den ich gepflanzt wurde.

Man hat mich nicht gefragt,

Alles war schon entschieden, bevor ich sprechen konnte.

 

Immer wieder hörte ich dieselben Parolen,

Konnte sie auswendig in meinem kleinen Zimmer nachsprechen,

Stellte mich auf mein Bett und blickte hinab auf die Menge,

All die Menschen, die mir unterwürfig lauschten.

Er schrie sie immer wieder,

Sätze, die nach Bier rochen, und stanken nach dem Erwachen

Am Morgen danach, auf dem harten Boden im Wirtshaus.

 

Er brachte mir viele Geschenke,

Jedes Mal, wenn er von seinen Reisen zurückkehrte

Stand ich erwartungsvoll am Tor der Stadt

Um ihn zu empfangen, den Helden, den weißen Ritter.

Ich durfte ihn umarmen und dann steckte er mir unauffällig

Die kleinen Zinnfiguren, Kreisel und Murmeln zu,

Die er den Kindern genommen hatte,

So wie er ihre Leben an sich gerissen hatte,

Um sich an ihren Herzen satt zu essen.

 

Meine Mutter schwieg immer,

Außer, wenn sie mich zur Strafe schimpfte,

Weil ich einmal wieder ungezogen war.

Sie schrie auch meinen Vater an,

Aber niemals aus Zorn sondern aus Schmerzen.

Sie war blass und zierlich.

Sie ließ mich im Stich, als ihre weiße Haut erkaltete

Und man sie in ein weißes Tuch gewickelt davontrug.

Ich wollte weinen, doch es gab nichts zu bedauern.

Mich hat man eingesperrt, nicht ihn.

Als der Krieg vorbei war und er heimkehrte,

Musste ich fortlaufen und fliehen vor seinen scharfen Klauen,

Die sich in mein Fleisch zu schneiden drohten.

Ich bin gerannt und habe hinter mir eine Schneise

Der Verwüstung in die Welt gezogen,

Bis sie mir in den Rücken fielen

Und die schweren Ketten anlegten.

Jetzt sitze ich im Dunkeln und spüre,

Wie das Eis langsam zu tauen beginnt.

 

Ich bin es, der sein Erbe trägt,

Die Narben sind mir wie Brandmale ins Gesicht gezogen.

Wenn ich täglich aus den Albträumen erwache

In der kalten Zelle und durch das Gitterfenster

Hinauf blickte, sehe ich nichts im Himmel,

Das mir helfen könnte.

Nichts, außer den Sternen,

Die mich grausam verhöhnen

Und träge ihre Kreise ziehen.

Die Ewigkeit ist ein Geschöpf der Menschen.

Für ihn war es immer eindeutig gewesen,

Wer zu den Guten gehörte.

All die anderen bekamen es durch die Kugeln

Seiner Pistole und seine messerscharfen Worte,

Mit denen er bestrafte, zu spüren,

Dass sie die Bösen waren.

Wie ein Besessener peinigte er seine Opfer,

Um das Lösegeld für seine Schuld zu erzwingen.

Doch je mehr er nahm,

Desto länger wurden die Listen der Pfandleiher.

 

Gerechtigkeit gibt es nur in Märchen und in der Bibel.

Vergebung hat noch keiner auf Erden erhalten.

Ich schwöre auf die Rache,

Auch wenn sie mich nicht erlösen wird.

Ich gebe die Schmerzen weiter,

Die ich selbst erfahren habe,

Bis ich in die Ruhe der Ohnmacht falle.

Ich habe oft geschrien und geweint,

Doch heute sprechen nur noch meine Fäuste,

Die gegen die Tür aus Metall schlagen,

Immer wieder, bis auch meine Knochen zerbersten.

Jeder Schlag, ein Schritt zur Freiheit,

Die es niemals geben wird,

Hin zur Stille, die ich niemals hören werde,

Weil ich nicht vergessen kann.